Vom Sinn und Unsinn der Fassadendämmung

Fassadendämmung steht in der Kritik. Ihre Gegner behaupten, sie begünstige Schimmelbildung, sorge für erhöhte Brandgefahr und rentiere sich finanziell nicht. Befürworter halten diese Vorwürfe für unberechtigt. Brisanz erhält der Streit, weil in der aktuellen Fassung der Energieeinsparverordnung (EnEV 2014) eine Pflicht zur Fassadendämmung formuliert ist. Vier Experten äußern sich zu den Kritikpunkten und bieten Lösungsansätze.

Die staatliche Förderung der Fassadendämmung hat in den letzten Jahren zu einem regelrechten Boom geführt. Ein gedämmtes Haus gilt als wichtiger Beitrag zur Energiewende und scheint deshalb per se umweltfreundlich zu sein. Die aktuelle Fassung der EnEV 2014 beinhaltet unter bestimmten Voraussetzungen gar eine Pflicht zur Fassadendämmung. Doch die Kritik, vor allem an Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) mit EPS-Platten, wird immer lauter. Vier Experten aus unterschiedlichen Disziplinen haben über das Für und Wider der Wärmedämmung gesprochen. Zu Wort kommen Professor Rainer Monsees, der den Lehrstuhl für energieeffizientes Bauen und Sanieren an der Hochschule Magdeburg leitet, der Energieberater und Diplom-Ingenieur Andreas Kühl, Energiephysiker Dr. Rüdiger Paschotta sowie der europaweit tätige Architekt Mark Linnemann.

 

Hohe Kosten

Die Kritik: Das nachträgliche Dämmen einer Hausfassade rentiert sich finanziell nicht.

Die Experten: Ob sich eine Maßnahme rechnet oder nicht, kommt auf zahlreiche Faktoren an: Kosten, eingesparte Energie, Haltbarkeit des Materials und auch die Energiepreise. „Pauschale Aussagen sind kaum möglich. Fassadendämmung lohnt sich aber fast immer, wenn ohnehin der Außenputz erneuert werden muss“, erklärt Energieberater Andreas Kühl. „Einsparversprechen von über 30 Prozent sind jedoch unrealistisch und zu kritisieren.“ Das bestätigt auch Rainer Monsees, Professor für energieeffizientes Bauen und Sanieren: „Versprochene Einsparungen können selten eingehalten werden.“ Das liege etwa daran, dass das tatsächliche Verhalten der Bewohner nicht in Modellrechnungen abgebildet werden könne. Monsees führt weiter aus, dass eine besser gedämmte Wohnung dazu verführe, weniger sparsam zu heizen. „Wenn sich außerdem einzelne Parameter der Rechnung ändern und beispielsweise die Energiepreise weniger stark ansteigen als gedacht, rentiert sich die Fassadendämmung vielleicht nicht mehr.“

Die Lösung: Wer zusammen mit einem Energieberater ein Gesamtkonzept entwickelt und den Zeitpunkt der Sanierung mit anderen Renovierungsarbeiten abstimmt, hat gute Chancen, dass sich seine Investition auch finanziell auszahlt. Rainer Monsees rät aber dazu, eine energetische Sanierung nicht primär als Anlageform zu betrachten, sondern als Investition in die eigene Immobilie: „Eine Sanierung kann auch zur Wertsteigerung der Immobilie beitragen und macht sie zukunftssicher.“

 

Hoher Energieverbrauch bei der Herstellung (Graue Energie)

Die Kritik: Die Herstellung von Wärmedämmstoffen kostet mehr Energie, als sie einspart.

Die Experten: Graue Energie bezeichnet die Energie, die zur Herstellung von Dämmstoffen aufgebracht werden muss. Wenn die Graue Energie also über der potenziellen Energieeinsparung liegt, ist der Umwelt damit nicht geholfen. Die häufig verwendeten XPS- oder EPS-Platten sind aus Polystyrol, besser bekannt als Styropor. Der Kunststoff wird aus Erdöl hergestellt. Dennoch: „Die energetische Amortisation von Polystyrol kann zwischen nur einem und zwei Jahren liegen“, erklärt der Energieberater Andres Kühl. Danach spart die Dämmung tatsächlich Energie ein.

Die Lösung: Es gibt Dämmstoffe auf Mineralwollebasis, deren Graue Energie sehr gering ausfällt. Aber auch der Standarddämmstoff Polystyrol hat Werte, die sich relativ schnell amortisieren können.

Dämmplatten aus Styropor sind ein Erdölprodukt – doch die eingesetzte Energie kann sich recht schnell amortisieren.

 

Schimmel

Die Kritik: Durch Fassadendämmung werden die Wände versiegelt, die Feuchtigkeit kann nicht mehr entweichen. Gedämmte Häuser schimmeln häufiger als ungedämmte.

Die Experten: Schimmel wächst, weil die Feuchtigkeit in der Luft an kalten Oberflächen kondensiert. Nennenswerter Feuchtigkeitsaustausch wird jedoch nicht durch Fassadendämmung verhindert. „Schimmel wird dann ein Problem, wenn Fenster erneuert werden und der kälteste Punkt des Zimmers in eine schlecht belüftete Ecke verlagert wird“, erklärt Prof. Monsees.

Die Lösung: „Das Problem lässt sich nur durch Luftaustausch lösen. Das war früher genauso wie heute“, erklärt Paschotta. Das heißt: mehrmals am Tag richtig lüften. Andreas Kühl ergänzt: „Eine mechanische Lüftungsanlage nimmt den Bewohnern die Verantwortung ab, regelmäßig über die Fenster zu lüften.“ Eine solche Anlage ist allerdings relativ teuer.

 

Algen

Die Kritik: Auf kalten, nassen und schattigen Fassaden wachsen Algen besonders gut. Gedämmte Häuser begünstigen Algenwachstum.

Die Experten: „Eine wirksame Wärmedämmung erhöht tatsächlich das Risiko einer Veralgung“, erklärt Paschotta: Häuser mit Außendämmung besitzen eine kalte äußere Oberfläche, denn die Wärme bleibt ja im Haus. Wenn zudem der Dachüberstand gering ist, besteht auch größeres Nässepotenzial. „Algen sind allerdings ein rein ästhetisches Problem“, gibt Kühl Entwarnung.

Die Lösung: „Es gibt bestimmte Dickschichtputze, die wirksamen Schutz bieten und ansonsten unschädlich sind“, verrät Kühl. Von algizidhaltigem Putz rät der Experte dagegen ab. Denn Algizide verschmutzen die Umwelt, wenn sie vom Regen ausgewaschen werden und ins Grundwasser gelangen. Es ist ebenfalls sinnvoll, auf ausreichend Dachüberstand zu achten.

Innendämmung: Der Taupunkt liegt quasi in der Wand. Deswegen muss hier besonders sorgfältig gearbeitet werden, um Schimmel zu vermeiden.

 

Brandgefahr

Die Kritik: Gerade der häufig verwendete Dämmstoff Polystyrol ist leicht entflammbar. Gerät die Fassade in Brand, lässt sich das Feuer kaum noch löschen – und kann sich so über ganze Mietshäuser ausbreiten.

Die Experten: „Der günstigste Dämmstoff Polystyrol ist entflammbar“, gibt Kühl zu. Das zeigen sowohl Tests als auch dutzende abgebrannte Fassaden sowie die Tatsache, dass der Dämmstoff in der Müllverbrennungsanlage landet. Allerdings sorgen beigesetzte Brandschutzmittel dafür, dass Polystyrol – verbaut als EPS- oder XPS-Platten – als schwer entflammbar klassifiziert wird. Die Fassade gerät dann in Brand, wenn es in der Wohnung bereits brennt und die Flammen durch die Fenster nach außen dringen. Auch außenstehende Brandquellen wie Mülltonnen können auf die Fassade überspringen.

Die Lösung: „Keiner ist gezwungen, Polystyrol einzusetzen. Es gibt auch nicht entflammbare Dämmstoffe wie Steinwolle“, empfiehlt Kühl. Nach aktueller Bauordnung müssen ohnehin Brandriegel über den Fenstern angebracht werden. So wird das Risiko verringert, dass bei Wohnungsbränden die ganze Fassade in Flammen aufgeht. Eine neue Brandschutzverordnung soll es außerdem verbieten, Mülltonnen in Fassadennähe aufzustellen.

 

Gifte

Die Kritik: Fassadendämmung funktioniert nur unter Verwendung diverser Gifte: Chemikalien zum Brandschutz, Chemikalien zur Algenabwehr. Geraten die Platten in Brand, werden zusätzlich giftige Stoffe freigesetzt.

Die Experten: „Das giftige Brandschutzmittel HBCD ist ab 2016 verboten. Ob es bessere Alternativen gibt, muss sich noch zeigen“, sagt Architekt Mark Linnemann. Geraten Dämmplatten in Brand, entstehen auf jeden Fall giftige Dämpfe: „Bei Bränden von Baumaterialien entstehen häufig giftige Gase – bei Polystyrol allerdings immerhin weniger als beispielsweise bei Holzwerkstoffen“, erklärt Paschotta.

Die Lösung: Bauherren können auf Algizide im Putz und Brandschutzmittel im Dämmmaterial verzichten. Das Bundesumweltamt rät, auf den Blauen Engel zu achten, ein Siegel, das Umweltbewusstsein auszeichnet.

Steinwolle besitzt eine niedrige Wärmeleitfähigkeit und brennt nicht. Sie eignet sich deshalb bestens zur Dachdämmung, wird aber auch zur Fassadendämmung eingesetzt.

 

Entsorgungsprobleme

Die Kritik: Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) müssen irgendwann entsorgt werden. Das wird in Zukunft ein echtes Problem: Laut Nachrichtenmagazin Der Spiegel klebt bereits fast eine Milliarde Quadratmeter Wärmedämmung an deutschen Hauswänden. Für die Entsorgung müssen die Eigentümer aufkommen.

Die Experten: Mark Linnemann erklärt das Entsorgungsproblem: „Das ist ein Verbundsystem. Der Dämmstoff ist also mit dem Bauwerk verbunden. Das kann man nicht mehr ohne weiteres trennen und deswegen auch nicht so einfach entsorgen“, erklärt Linnemann. „Meiner Erfahrung nach sind 25 Jahre Haltbarkeit schon viel. Die Ausführung eines WDVS obliegt keinem speziellen Gewerk und wird demzufolge oft fehlerhaft ausgeführt.“ Es handelt sich also um ein Problem der Zukunft. „Bis dahin werden vielleicht Recyclingmethoden entwickelt“, hofft Paschotta.

Die Lösung: Nicht alle Dämmstoffe müssen erneuert werden. Wer beispielsweise mit Einschüttdämmung wie Perlit oder Zellulose arbeitet, kommt darum herum. Allerdings sind die wenigsten Mauern für so eine Maßnahme geeignet. Wer seinen Altbau dämmen will, hat bei der Wahl der Baustoffe oft keine große Wahl.

 

Verschandelung der Architektur

Die Kritik: WDVS-Einheitsfassaden verschandeln das Stadtbild.

Die Experten: Verkleiden Eigentümer ihre Hausfassade mit blankem WDVS, haben sie nicht viel Gestaltungsfreiheit. Es entstehen Einheitsfassaden. Kritiker lassen sich auch von Zierprofilen nicht überzeugen, denn es geht nicht um subjektiven Geschmack. „Nur ein kleiner Teil der Nachkriegsarchitektur ist denkmalgeschützt. Das ist ein beachtlicher Teil Baukultur, der da einfach überklebt wird“, bedauert Linnemann.

Die Lösung: Wer sein Haus dämmen, die Fassade aber erhalten will, dem bleibt keine andere Wahl: Einzige Alternative ist die teurere und fehleranfälligere Innendämmung. Aus diesem Grund muss im Denkmalschutz nicht zwangsläufig gedämmt werden. Linnemann fordert außerdem Besonnenheit bei Sanierungsmaßnahmen – und vermutet hinter all den Dämmbestrebungen auch eine Wirtschaftsförderung.

Alt und Neu. Das kann durchaus für interessante Kontraste sorgen. Den Kritikern geht’s aber nicht um guten oder schlechten Geschmack, sondern darum, dass ein Stück Baugeschichte unsichtbar gemacht wird.

 

Fassadendämmung ja, aber – ein Fazit

Keiner der Experten würde Fassadendämmung per se verteufeln. Dennoch: „Ja, aber …“ scheint das Fazit zu sein. Vor allem der relativ günstige und häufig verwendete Dämmstoff Polystyrol bringt so einige Nachteile mit sich. Gleichzeitig ist es schwer, pauschale Aussagen zu treffen. Beim Altbau kann eine Fassadendämmung vor allem dann Sinn ergeben, wenn sie gut mit anderen Maßnahmen abgestimmt wird. Außerdem sollte sie dann umgesetzt werden, wenn ohnehin die Fassade renoviert werden muss. Alternativen zu WDVS sind teuer, fehleranfällig oder im Falle eine Einschüttdämmung oftmals gar nicht anwendbar. Beim Neubau dagegen scheint die Verwendung von WDVS weniger sinnvoll. Die Immobilie kann von Grund auf energetisch nachhaltig geplant werden – bei einer Fassadenverkleidung, die früher oder später entsorgt werden muss, scheint das nicht unbedingt der Fall zu sein.

(Text-Quelle: Immowelt.de)

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